Brotha Lynch Hung – „Dinner And A Movie“ (Review)

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dinner and a movie

Horrorkore, der böseste Ableger unter den zahlreichen Unterordnungen innerhalb der Rapmusik, ist dank Künstler wie Basstard seit geraumer Zeit in Deutschland vertreten. Zudem genießt es eine feste Anhängerschaft, die nicht genug bekommen kann von lyrischen Massakern und psychopathischen Absurditäten. Selbstverständlich gibt es diese Form der musikalischen Auslebung auch über dem Atlantik und blickt dort bereits auf eine bewegende Geschichte zurück. Eine der wohl auffälligsten Personen auf diesem Gebiet ist mit Sicherheit Brothy Lynch Hung, der bereits seit den frühen Neunzigern die Machete schwingt und sie in die Leiber seiner fiktiven Opfer rammt. Mit so viel Freude, dass er nun nach langer Wartezeit endlich sein neuestes Konzeptalbum „Dinner And A Movie“ über Tech N9nes Strange Music auf die Massen loslässt.

Zwar darf man davon ausgehen, dass das Album inhaltlich nicht mehr die hohen Wellen schlagen wird, wie einst, als BLH in der Kritik stand, einen dreifachen Mörder mit seinen Texten zu seiner Tat inspiriert zu haben. Jedoch ist das wohl eher Filmen wie SAW und Hostel geschuldet, die die Hemmschwelle bezüglich Gewalt u. ä. , ob in bewegten Bildern oder bildlicher Sprache, auf Kniehöhe gedrückt haben. Denn zwischen Kannibalismus, Suizid und Mord fühlt sich Kevin Mann, so Lynchs bürgerlicher Name, immer noch zu Hause. Die Sonne Kaliforniens, die der aus Sacramento stammende Rapper bestens kennt, ist hier allenfalls eine Randerscheinung, der Tag nur die leidige Zeit bis zur Nacht, in der dann hemmungslos drauflos geschlachtet wird – ausschließlich lyrisch versteht sich.

Womit wir auch schon beim Konzept von „Dinner And A Movie“ wären. Auf diesem folgt man dem Leben eines Serienmörders, der Rapper tötet. Bereits hier wird deutlich, dass die kompromisslose Liebe fürs Abwegige stets Platz lässt für eine Prise bitterbösen Humor, stellt man sich vor, wie Mann den beängstigend schwach auftretenden Rapper von Nebenan kurzerhand um die Ecke bringt, ihn in handliche Teile zerhackt und in einem Sack gebündelt in den nächsten Fluss wirft. Soweit so gut, aber was können die Tracks tatsächlich?

Einiges, wie bereits durch „Colostomy Bag“, der dritten Single des Albums, verdeutlicht wird. Technisch gut präsentiert sich Brothy Lynch Hung auf eines an Dre’sche Beatbastler-Künste erinnerndes Instrumental und erzeugt schon hier die fürs Konzept wichtige Atmosphäre. Diese wird fortan düster gehalten, vorläufig gipfelnd im derben „Sit In That Corner Bitch“, das einen gebannt vor den Boxen sitzen lässt. Hinter all dem verbergen sich auch Stücke wie das seinem Sohn gewidmete „Meat“ bzw. dem seiner Tochter gewidmetem Pendant „I Tried To Commit Suicide“.

Toll auch der von Glocken bereicherte Beat eines „Split Personality“, dem auch die gespaltene Persönlichkeit im Text gut zu Gesicht steht. Als Strange Music-Release darf natürlich auch nicht Tech N9ne selbst fehlen, welcher gemeinsam mit Kompagnon Krizz Kaliko seine technische Versiertheit auf „Don’t Worry Momma, It’s Just Bleeding“ zur Schau stellt. Der K.O.D. und Sacramentos Hannibal Lecter, eine durchaus sinnmachende Kombination. Wer nun denkt, die vorgetragenen Morde müssten ausschließlich leise, still und heimlich vollführt werden, der widme sich „I Plotted (My Next Murder)“. Ein imposant aufspielender Track, der einiges bewegt.

Stimmige Beats, detailverliebte Texte, ein Feature von Snoop Dogg, Daz und Kurupt („Anotha Killin“) und Skits, die hier ausnahmsweise nicht nerven, sondern der Atmosphäre zugute kommen. So entstand ein finsteres Horror-Hörspiel für Rap-Freunde, denen harte Kost nichts anhaben kann. Sicher nicht jedermanns Sache, aber ohne Zweifel als eines der besseren Konzeptalben zu jüngeren Veröffentlichungsgeschichte zu zählen.

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