Antihelden – „Kein Happy End“ (Review)

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Nanu, was haben wir denn da – zwei Rapper, die die magischen Dreißig hinter sich haben, damit schon mehr zum Stamminventar eines Deutschrap-Kataloges gehören als zum heißen, neuen Scheiß. Zwei Rapper, die solo bereits für Aufsehen sorgten; sei es der zunächst im Verbund mit Casper und Separate auf sich aufmachende Abroo, oder der für reichlich Gesprächsstoff sorgende Dra-Q, welcher vor Jahren die Gelegenheit beim Schopfe ergriff und für eine bekannte Fast-Food-Kette in deren Werbung rappte. Zwei Charaktere, die auf ihre Weise polarisieren und nun als Duo mit tatkräftiger Mithilfe von Produzenten wie den Snowgoons und Sicknature einen Gegenentwurf zum Möchtegern-Kleinkriminellen-Rap darbieten.

Allzu oft wird hierbei sogleich von rückwärtsorientierten Rap gesprochen, der seine Wurzeln tief in der Vergangenheit hat und in der heutigen Zeit schlichtweg langweilig bis irrelevant ist. Und wenn mit dem „1 Zu Der 2 Shit“ unter anderem Black Moon und deren „2 Turntables & A Mic“ Tribut zollen, wird die Befürchtung zunächst genährt. Doch schon hier wird das geschulte Ohr bemerken, dass es sich dabei keineswegs um altbackene Sounds handelt, sondern um ein von Sicknature (produziert sonst gerne auch für Ill Bill und die La Coka Nostra) gezimmertes Klanggebilde klassischer Bauart auf dem Stand von 2010.

Mit dem Fortschreiten der Trackliste bekommt man derweil satte Kritik in den Gehörgang geprügelt. Ob auf „Hörst Du Diese Stimmen“ oder „Glühbirnengesellschaft“ mit einem wie immer tadellos aufblitzenden Morlockk Dilemma, ob allgemein an die Gesellschaft gerichtet oder mit Fokus auf die Arbeitswelt. Der erhobene Zeigefinger des Besserwissers bleibt stets in der Hosentasche versteckt und wird ersetzt durch ironische Aussagen, die den Kern der Sache dabei dennoch treffen.

Einer der absoluten Höhepunkte ist „Weltanschauung“. Um Klaus Zumwinkel und tragische Vorkommnisse wie jenes, welches Winnenden zu trauriger Berühmtheit verhalf, wird ein pessimistisches bis fast schon aufgebendes Bild der Gegenwart gezeichnet. In dieser Deutlichkeit ist man für einen Moment wie paralysiert, erst Amaris und dessen Beihilfe bei von einem sensationellen Snowgoons-Beat getragenen „Glauben“ sorgt für Abhilfe und rückt die Gedanken wieder in die richtige Position. Gerade rechtzeitig, um Q, Abroo und Viennas Finest Kamp beim galanten Beleidigen der Ex-Freundinnen zu lauschen („Wie Konntest Du (Kai Pflaume)“ respektive „Generation Doomed“ im Mortis One Mix, für den auch ein Feature mit Sabac Red klargemacht werden konnte.

„Kein Happy End“ ist unterm Strich also längst keine Erörterung über die neuzeitlichen Umstände, der ausschließlich angehende Professoren beiwohnen dürfen. Wenngleich man Kritik in Reimeform schon weitaus stumpfer zu hören bekam und etwas Basiswissen durchaus hilfreich sein kann beim Deuten der Texte. Egal wie man es auch drehen und wenden mag, altbacken und irrelevant ist hier keines der Stücke. Der Geist alter Tage im zeitgemäßen Gewand trifft es da schon eher.

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